04.02.2020

Wir sind Frieden - Marion Koffend

 

Marion Koffend, Jahrgang 1963, lebt in der Nähe von Heilbronn. Die Büro- und Steuersachbearbeiterin beschäftigt sich in ihrer Freizeit mit Handpuppen und Marionetten, Nähen; sie kümmert sich, wenn Zeit ist, um die Selbstversorgung, alte Haushaltstechniken und ihren Garten. Sie beschäftigt sich mit muslimischen Themen und der Anthroposophie und denkt gerne. Sie sieht sich als chronische Weltverbesserin und lässt sich vom lieben Gott (ihrem Chef) zum Handeln motivieren.

 

Andrea Drescher: Siehst du es als deine Aufgabe die Welt zu verbessern?

Marion Koffend: Nein, ich sehe es als meine Aufgabe ein nützliches Mitglied der Menschengemeinschaft zu sein.

Was heißt das konkret?

Ich überlege immer erst, bevor ich etwas tue, welche Auswirkungen das auf andere hat. Gehe ich einkaufen, überlege ich mir beispielsweise bei den Produkten, ob sie schädlich oder nützlich sind, lese mir die Produkt- und Inhaltsinformationen genau durch und lasse dann auch wieder Sachen im Laden zurück. Mein 30 Jahre altes Auto lasse ich immer wieder reparieren. Ein neues E-Auto würde in Herstellung und Gebrauch erheblich mehr Umweltschäden anrichten als die Reparatur. Ich überlege eben, ob etwas sinnvoll ist oder nicht, ich laufe keinem Trend hinterher.

Du hältst also nicht viel von der Förderung für das E-Auto?

Nein, gar nichts. Ich muss leider viel Auto fahren, da ich zu 50 Prozent gehbehindert bin und nicht überall hinlaufen kann, verzichte aber so oft wie möglich auf den PKW. Man sollte mehr die öffentlichen Transportmittel fördern, damit der Mensch eine Wahl hat.

Bist du als Weltverbesserin auch Friedensaktivistin?

Ja, sowohl politisch als auch privat. Ich bin oft die Vermittlerin bei Missverständnissen, auch bei Streitereien unter Freunden. Da versuche ich, das Verständnis für die jeweils andere Seite rüber zu bringen. Das Problem ist der dritte Faktor, dieser muss von allen Beteiligten gemeinsam angegangen werden. Normal ist ja leider: „Ich und mein Gegner“. Besser ist: „Wir und das Problem“. Dieses Prinzip hat meines Wissens die Profilerin Suzanne Grieger-Langer erstmals formuliert, ich lebe es aber schon lange.

Das Prinzip ist wirklich wichtig, auch für die Friedensbewegung, die sich ja gerade endgültig zu zerlegen scheint.

Stimmt, das sehe ich ähnlich. Aber ich gebe nicht auf. Ich habe Ausdauer und lasse mich nicht gleich bei Schwierigkeiten aus der Bahn werfen. Ich versuche Menschen meine Ideen und Gedanken zu vermitteln, ohne beleidigend zu werden. Vermeintliche Lösungen wie „Haut die Glatzen bis sie platzen“ werden niemanden davon abhalten, rechts zu agieren. Im Gegenteil: Wenn wir diese Menschen aus unserer Gemeinschaft aussperren, werden sie in der rechten Ecke schon sehnlichst erwartet. Ich versuche immer zuerst zu spüren, wo steht der Mensch gerade? Wen habe ich vor mir? Wer ist das, mit dem ich da rede?

Ich möchte Menschen Impulse geben, sie aber nicht mit Informationen erschlagen, denn dadurch wachen sie ja auch nicht auf und es verändert sich wieder nichts. Ich kann mit meiner Nachbarin nicht so über die Medien sprechen wie mit dir. Wenn ich merke, dass das, was ich sage, beim anderen Angst auslöst, will ich diese nicht weiter verstärken.

Als ich jung war, hatte ich auch viele Ängste, das habe ich mir beharrlich abtrainiert, frei nach Goethe: Von der Gewalt (Angst), die alle Menschen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet. Es gibt Themen, die spreche ich bewusst nicht an, weil es kontraproduktiv wäre. Ich möchte Verständnis schaffen und dabei ehrlich und direkt sein, aber den Menschen keine Angst machen, was mir leider nicht immer gelingt. Das Gegenüber muss sich auf eine Diskussion ja auch erstmal einlassen. Sobald man im Gespräch ist, kann sich alles entwickeln. Das kann bis zur Weitergabe vom Zivilimpuls gehen.

Zivilimpuls: Ein gutes Stichwort. Kannst du den mal kurz vorstellen?

Die Idee war es, das Internet auf die Straße zu bringen, ein Medium für Menschen zu gestalten, die lieber Zeitung lesen, als am Tablet rumzuwischen. Gerade viele Ältere wollen ja nicht online sein, weil der Informationswahnsinn sie erschlägt. Die normale Presse ist ja ziemlich fehlerhaft und bietet kein vollständiges Bild zu einem Thema. Dem wollte ich mit dem „Zivilimpuls“ entgegenwirken und Zusammenhänge aufzeigen, die Vielzahl der Puzzleteile, die wir vorgesetzt bekommen, zusammenführen. Wir versuchen 360-Grad-Perspektiven auf die Themen zu bieten und das wird von unseren vorwiegend älteren Abonnenten auch sehr geschätzt.

Geht es auch um Gesellschaftskritik?

Ja natürlich, aber eben nicht nur um Kritik, sondern auch um Lösungen. Ich beschäftige mich schon lange mit Gesellschaftssystemen und als Bücherwurm bin ich für mich bei der sozialen Dreigliederung von Steiner als probates Mittel angekommen, um die Gesellschaft, wie sie jetzt ist, mitzugestalten. Wenn es interessiert: Axel Burkhardt kann die Konzepte und Prinzipien von Steiner sehr gut und verständlich vermitteln, ohne sie zu verunstalten. Es geht mir aber nicht darum, Recht zu haben, das „richtige“ System zu propagieren.

Es geht darum, die jeweils beste Lösung zu finden. Daher sage ich, dass jede politische Ausrichtung — bis auf den Faschismus, der ist völlig indiskutabel — ihren Platz und ihre Berechtigung hat.

Man muss eben länger darum ringen, die jeweils beste Lösung zu finden. Man muss sich Zeit lassen, um zu brauchbaren Gedanken zu kommen. Mit einer Peitsche als Antrieb ist nichts gewonnen.

Kannst du das konkretisieren?

Ja. Ein Beispiel ist unsere Redaktion. Da Zivilimpuls ein kulturelles Projekt ist, gilt bei uns das Freiheitsprinzip im Denken. Es gilt also nicht das demokratische Prinzip der Abstimmung. Das ist dann angebracht, wenn eine Entscheidung alle Menschen betrifft, zum Beispiel im Rechtsleben, wenn Regeln durch den Rechtsapparat, also Polizei und Gerichte, auch durchgesetzt werden. In der Kultur, die von Ideen und nicht von Gesetzen lebt, wäre es kontraproduktiv. Wir stimmen intern also nicht ab, sondern diskutieren Dinge aus, bis wir einen Konsens finden. So lernt man auch, nicht sinnlos zu diskutieren, sondern diszipliniert am Thema zu bleiben. Finden wir bei Inhalten der Zeitung keinen Konsens, wird das Thema zurückgestellt. Niemand soll mit der Faust in der Tasche zurückbleiben. Die Diskussionen verlaufen sehr unterschiedlich, auch emotional, aber wir sind uns alle darin einig, dass wir das jeweilige Problem lösen wollen. Eben: „Wir und das Problem“.

Wie groß ist eure Redaktion?

Im Moment sind wir fünf, alle arbeiten ehrenamtlich, der Lektor kriegt ein bisschen Taschengeld, er hat aber auch die meiste Arbeit. Denn wir sind alle keine ausgebildeten Journalisten, da braucht es jemanden, der sein Sprachgefühl einbringt und Texte leserlich macht. Ich verstehe mich in unserem Projekt „Zivilimpuls“ eher als Ideengeber.

Und wo kann man „Zivilimpuls“ erhalten?

Man kann ihn unter www.zivilimpuls.de für 42 Euro im Jahr bestellen. Man erhält dafür sechs Ausgaben mit einem bis zehn Exemplaren, je nach Bedarf. Wir finanzieren uns über Fremdspenden, die dank Gemeinnützigkeit absetzbar sind, und ich schieße momentan noch alle zwei Monate rund 450 Euro für Druck und Porto dazu. Unser Ziel ist, dass es sich innerhalb des nächsten Jahres selbst trägt.

Was ist das Besondere im Vergleich zu anderen alternativen Medien?

Unser Hauptaugenmerk liegt nicht auf der Kritik. Die gehört natürlich bei der Aufklärung dazu, aber wir legen den Fokus auf Lösungsansätze.

Dann wünsche ich dir, dass möglichst viele Menschen die Lösungsansätze, die ihr vermittelt, kennenlernen und umsetzen. Vielen Dank!

 

Erschienen bei Rubikon

Was mich persönlich freut: seit Dezember 2019 gehört Zivilimpuls auch zu den Medien, in denen ich publizieren kann.

 

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