18.10.2019

Von Andrea Drescher

Schluss mit der Spaltung

 

Beim Kohlendioxid scheiden sich die Geister ...
... nicht immer. Ein Feldversuch in meiner Filterblase.


Es gibt so viel zu tun, jetzt, hier und sofort, um Natur und Klima zu schützen. Doch statt sich gemeinsam dafür einzusetzen, dass Staaten und Konzerne nicht weiter gnadenlos unwiderrufliche Schäden anrichten, prügeln grade in der alternativen Szene Anhänger und Gegner der CO2-These verbal aufeinander ein. Das führt zu einer weiteren Spaltung — auch innerhalb der Friedensbewegung. Man könnte meinen, das ist gewollt. Spaltung kann man überwinden, wenn man will. Im Rahmen meiner Möglichkeiten möchte ich dazu beitragen.

Hier die Langfassung eines Artikels der - ohne die Zitate der Befragten - beim Rubikon erscheinen wird.

 

Ich spreche mit jedem. Zumindest mit jedem, der nicht gewaltaffin ist. Darum befinden sich in meiner Filterblase Vertreter aller Gruppen zum Thema Klima. Da gibt es Menschen, die der CO2-These in Bezug auf den Klimawandel nicht folgen — im heutigen Diffamierungsdeutsch „Klimaleugner“ genannt. Dann gibt es Menschen, die von der CO2-These zu 100 Prozent überzeugt sind — diese werden dann oft verächtlich als Klimareligioten bezeichnet. Viel abwertender als mit „Leugner“ und „Religiot“ kann man die Position des Gegenübers kaum bezeichnen. Die Gruppe Menschen, die unsicher sind, die nicht wissen, was richtig oder falsch ist, und die sich mangels fundierter fachlicher Kenntnisse kein eigenes Urteil erlauben, werden meist Skeptiker genannt — eine etwas freundlichere Bezeichnung verglichen mit den beiden anderen Gruppen, aber je nach Position des Diskutanten meist eher abwertend.

Da ich mit allen in Kontakt bin, habe ich ein Experiment gewagt. Ich wollte mit jeweils vier Vertretern der drei Kategorien ein strukturiertes Interview führen — mit dem Ziel, das Verbindende zwischen diesen drei Gruppen aufzuzeigen. Dementsprechend sollte der Fragebogen auch gestaltet werden.

Schon die Suche nach Interviewpartnern machte deutlich, wie belastet das Thema bereits ist. Obwohl ich explizit darauf hinwies, im Such-Posting keine Diskussion zum Thema führen zu wollen, gingen sofort die Diskussionen los. Sowohl Anhänger als auch Gegner wurden relativ schnell aggressiv in der Wortwahl. Ein Effekt, den ich in meiner sonst eher sachlichen Filterblase so nicht gewohnt bin. Er zeigte überdeutlich, wie verhärtet die Positionen sind.

Mir war bewusst, dass es nicht ganz einfach werden würde. Dennoch war ich überzeugt, dass sich die drei Gruppen in nur vergleichsweise wenigen Punkten unterscheiden würden, wenn es um Ziele und Maßnahmen im Umweltschutz geht, zu dem der Klimawandel ja unbestreitbar auch gehört. Auch wenn Ursachen unterschiedlich bewertet werden — signifikante Unterschiede bei notwendigen Maßnahmen sollte es eigentlich nicht geben.

Nach kurzer Zeit fanden sich die passenden Gesprächspartner — ich danke Angela, Giorgio, Ilona, Jens, Jörg, Kerstin, Klaus, Lukas, Melchior-Christoph, Rainer, Tom und Uta für ihre Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Die Gespräche konnten starten. Ich war gespannt: Funktioniert mein Experiment? Welche Schlüsse lassen sich ziehen?

Warum das Ganze?

Ich gebe es zu: Für mich ist völlig unerheblich, wer recht hat. Meine These:

Innerhalb der alternativen Szene unterscheiden sich die Positionen dieser drei Gruppen kaum, wenn es um Maßnahmen geht. Der Streit dreht sich primär um Ursachen.

Vom Interview zum Artikel

Bevor ich in die Auswertung einsteige, noch etwas zur „Methodik“, die keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit hat: Ich habe versucht, eine repräsentative Auswahl an Gesprächspartnern zu finden. Das Verhältnis Ost- und Westdeutscher ist in etwa proportional zu ihren Bevölkerungsanteilen, Menschen aus der Schweiz und Österreich sind vertreten und auch eine „Mindestfrauenquote“ wurde erreicht. Die Altersstruktur zwischen Mitte 40 und circa 60 Jahre ist der Tatsache geschuldet, dass sich meine Filterblase mehrheitlich aus Menschen dieser Altersgruppe zusammensetzt.

An manchen Stellen war es nicht einfach, den Interviewpartnern ein klares „Ja“, „Nein“ oder „Weiß nicht“ abzuringen. Ziemlich häufig kam ein „Ja, aber“, was sich in der quantitativen Auswertung nicht niederschlägt. Ein weiteres Problem machte mir das Gespräch mit einem überzeugten Anarchisten, der viele der angesprochenen Maßnahmen für sich selbst zwar umsetzt, als Gegner eines staatsregulierten Wirtschaftens aber gegen die von ihm selbst gelebte Position stimmt.

Aber gut — es ging ja nur darum, die These, also das Gefühl, das sich bei mir in unzähligen Gesprächen eingeschlichen hat, klarer zu fassen und zu verifizieren.

Die Gespräche beginnen

Den leicht manipulativen Ansatz des Fragebogens habe ich von Anfang an klar kommuniziert. Mein Ziel, so Brücken zwischen den Positionen zu finden und nicht die Gräben weiter zu vertiefen, wurde von allen für gut befunden; die Frage, ob sie mit dieser Art des Ansatzes einverstanden sind, wurde 12-mal klar bejaht. Das ließ mich hoffen, zumindest innerhalb meiner Filterblase würde noch die Bereitschaft bestehen, die schier unvereinbaren Positionen doch irgendwie zu vereinen.

Davon, dass es Klimawandel gibt, waren 11 der insgesamt 12 Teilnehmer (TN) überzeugt, einer war sich nicht sicher. 9 TN gingen davon aus, dass der Mensch darauf Einfluss hat, 3 antworteten mit „Weiss nicht“. Nur 3 TN sahen in CO2 eines der Hauptprobleme, für 7 spielte es, wenn überhaupt, nur eine nachrangige Rolle, und 2 TN hatten Zweifel. Einigkeit herrschte dann wieder beim Thema Umweltschutz. 12 von 12 TN sahen hier dringenden Handlungsbedarf. 5 beziehungsweise 2 der Befragten verorteten den Weltklimarat IPPC beziehungsweise das Europäische Institut für Klima und Energie EIKE jeweils als Organisation mit politischer Agenda. Der Rest kannte die Organisationen nicht genau genug, um sie zu bewerten. Fast einhellig wieder die Position zum Thema Klimaforschung: 11 Befragte waren überzeugt, dass diese NICHT unabhängig sei, nur ein TN hatte keine Position dazu.

Bei Fridays for Future schieden sich die Geister zunächst. 3 TN waren überzeugt, dass das eine gute Idee sei und so weiterlaufen solle, 3 gingen davon aus, dass es sich um eine geplante politische Kampagne handelt, die übrigen 6 sahen darin die jetzige Instrumentalisierung einer zunächst guten Idee. Einig waren sich die Befragten aber wieder, dass die Mehrzahl der Jugendlichen aus ehrlicher Überzeugung freitags auf die Straße geht.

Pro und Contra CO2-These

Befragt nach dem Hauptgrund, warum CO2 großen Einfluss habe beziehungsweise nicht habe, gab es folgende Reaktionen – ich gebe hier die Antworten der Teilnehmer zugeordnet zu den beiden Grundpositionen wieder:

Treibhausgase sind eine Belastung für das Klima — und CO2 ist ein Treibhausgas. Der Treibhauseffekt ist schon lange wissenschaftlich bekannt. In den 60er Jahren haben Wissenschaftler aufgrund erster Forschungsergebnisse relativ konkret vorhergesagt, welche Folgen die Verbrennung fossiler Brennstoffe haben werden; diese sind aber im Giftschrank der Erdölkonzerne „verschwunden“.
Die Zivilisation produziert enorm viel CO2 allein durch den Energiebedarf — hinzu kommt die Nutzung von Rohstoffen. Die dramatische Ressourcenausbeutung von Öl und Gas aus dem Boden und deren Folgen und die industrielle Massentierhaltung setzen seit Jahrzehnten enorme Mengen CO2 frei. Kontraproduktiv sind hier auch die Ausbeutung und Zerstörung der Ökosysteme dieser Erde.

CO2 ist ein lebenswichtiges Gas, dass nur in geringen Mengen vorkommt. Es ist für Pflanzen in der Photosynthese unverzichtbar. Der größte Teil ist natürlichen Ursprungs. Die CO2-Kurve folgt historisch immer der Erderwärmungskurve. Der Golfstrom heizt das Klima auf und die Abholzung der Urwälder verhindert die Kühlung des Golfstroms. Es gibt eine hohe Komplexität und Wechselwirkung zwischen Erde, Kosmos und innerhalb der natürlichen Kreisläufe. Es gibt viele größere Prozesse, die eine erheblichere Wirkung haben als der „Flügelschlag des Schmetterlings“ CO2. Ich bin kein Naturwissenschaftler, aber da es unabhängige Wissenschaftler gibt, die die angenommenen gravierenden CO2-Auswirkungen auf das Klima stark bezweifeln, folge ich deren Auffassung eher als denen, die abhängig sind und bei denen schon mehrfach Propagandaabsichten belegt wurden.

Lösungsansätze statt Ursachendiskussion

Nachdem beim Einstieg alles glatt gelaufen war, war ich neugierig, wie viele Gemeinsamkeiten sich in den zu ergreifenden Maßnahmen ergeben würden, die ich in 8 verschiedene Bereiche unterteilt hatte. Und ich gestehe: Ich war mehrfach wirklich amüsiert, wenn ich Antworten beziehungsweise Antwortgeber gegenüberstellte. Mehr als einmal widersprachen sich zwei klare Gegner der CO2-These anfangs vehement, weil sie aus sehr unterschiedlichen Lagern kamen, während sich die Lösungen betreffend lagerübergreifend immer wieder Gemeinsamkeiten abzeichneten.

1. Stichwort Wirtschaft
Dass ein auf unendlichem Wachstum basierendes Wirtschaftssystem hinterfragt werden muss, der Fokus auf nachhaltiges Wirtschaften gelegt und sämtliche Kosten der Produktion — also auch Folgekosten für Entsorgung oder Transport — in die Produkte eingepreist werden müssen, führte jeweils zu 12-mal Ja. Die Abschaffung geplanter Obsoleszenz, das heißt der bewusst herbeigeführten vorzeitigen Produktalterung, sowie die Stärkung regionaler Produktion und Versorgung erreichte mit je 11 Ja-Antworten auch fast Einhelligkeit.

Konkret dazu:
Giorgio: Ich fordere mehr Protektionismus und eine viel schärfere Umweltgesetzgebung. Wir brauchen Gesetze, die dem Menschen und der Natur dienen, nicht den Konzernen.

Kerstin: Solange ein System, das auf Gier und ständigem Wachstum beruht, bestehen bleibt und der Staat nur noch ein Vollstrecker der industriellen Interessen ist, wird sich nichts ändern. Um das Klima bzw. die Natur zu retten, muss man die Systemfrage stellen.

Rainer: Hier plädiere ich umfassend für eine genossenschaftliche Organisation der gesamten Wirtschaftsstruktur - und der Abschaffung des privaten Bankenwesens. Genau genommen brauchen wir gar keine Banken, die setzen sich inzwischen parasitär zwischen viele Geschäftsfelder. Durch genossenschaftliche Organisation kommen die Menschen in wirtschaftliche Verantwortung, die auch den Schaden zu tragen haben - und die wahrscheinlich deshalb sorgsamer und umsichtiger wirtschaften werden.

Tom: Das neoliberale System muss weg, es ist komplett menschenverachtend und zerstört die Natur.

2. Stichwort Wald
Wenig überraschend waren 11 von 12 Befragten der Meinung, dass man die weltweite Zerstörung alter Waldbestände unterbinden muss. 10-mal wurde die Forderung nach Einschränkung des Imports von Soja, Palmöl, Tierfutter und Fleisch aus früheren Regenwaldgebieten unterstützt, und 9 Befragte forderten, die Rodungen in Deutschland zu minimieren. Diesen drei Forderungen wurde auch von den restlichen TN nicht widersprochen, nur wurde das Einmischen in die Angelegenheiten fremder Länder in Frage gestellt.

Konkret dazu:
Jörg: Aufforsten und alle naturbelassenen Mischwälder schützen, Mischwälder statt Produktionswälder forcieren und Hanffelder zur Renaturierung und Rohstoffgewinnung nutzen.

Klaus: Die Wiederaufforstung von Mischwäldern sorgt für mehr Nachhaltigkeit, und zwar bei uns. In den anderen Ländern müssen sich die dortigen Menschen dafür engagieren, alles andere wäre Kultur- oder Klima-Imperialismus. Im Sinne des Freihandels plädiere ich zwar gegen die Einschränkung von Produkten aus Regenwaldgebieten, achte aber als Veganer auch sehr auf die Herkunft der Produkte und kaufe zB. grundsätzlich keine Palmöl-Produkte und natürlich auch kein brasilianisches Rindfleisch, für das ja die Feuer-Rodungen zum großen Teil erfolgen.

Uta: Wiederaufforstung ist wichtig vor allem in Trockengebieten und Wüstenregionen weltweit. In Europa passiert hier noch viel zu wenig. Naturschutzgebiete und Landrückgewinnung müssen dringend gefördert werden.

3. Stichwort Müll

Dass die Vermüllung der Meere zurückgeführt werden und wir — im Sinne von „die Menschheit“ — Müll reduzieren müssen, stand für alle außer Frage. Mülltourismus ins Ausland wurde weitestgehend, das heißt 11 Mal, abgelehnt. Nur bei kontrolliertem Müllrecycling schieden sich die Geister etwas, zum Beispiel aufgrund der unterschiedlichen Arbeitskosten. 2 TN sprachen sich entschieden dagegen aus, 2 hatten keine klare Position und 8 TN sahen darin eine Option, zumindest solange die hohen Umweltstandards, die es bei uns gibt, auch eingehalten werden.
Konkret dazu:
Giorgio: Die geplante Obsoleszenz sollte dringed unter massive Strafe gestellt werden. Wirtschaftskonglomerate müssen zerschlagen werden.

Ilona: Jeder, der mal in Asien unterwegs war, weiss, wie schlimm die Natur dort bereits mit eigenem Abfall belastet wird. Der Verkauf von deutschem Müll ins Ausland ist unethisch. Man muss bei uns wieder erlauben, dass Sperrmüll mitgenommen werden darf, auch Containern darf nicht verboten werden. Es muss gesetzlich geregelt sein, dass Lebensmittelgeschäfte keine Lebensmittel vernichten, solange diese noch essbar sind – in anderen Ländern geht das ja auch. Und natürlich Wiederverwenden und Recyclen fördern.

Jens: Man muss mit entsprechenden Verpackungsverordnungen für Müllvermeidung sorgen. Eine geschälte Banane braucht kein Mensch. Darüber hinaus sollte es eine Vereinheitlichung der Stoffe geben, die als Verpackungsmittel benutzt werden. Dabei sollte nicht die Bequemlichkeit der Verbraucher oder die Optik im Vordergrund stehen, sondern die Recyclebarkeit der Verpackung. Und natürlich kann man auch als Einzelner darauf achten, keinen unnötigen Müll zu produzieren. Das tue ich auch.

Lukas: Man sollte neue, abbaubare Verpackungsformen fördern, Naturprodukte wie z.B. Hanf nutzen, um Verpackungen herzustellen. Damit reduzieren sich schädlicher Müll und Plastik automatisch.

Uta: Die Aluminium-Verpackungsindustrie muss gestoppt werden. Selbst in Bio-Läden sind sie zu finden. Mineralische Lebensmittel reagieren mit dem Alu und machen uns krank. Die Bauxitreserven lagern zum großen Teil im Tropengürtel. Für den Abbau wird auch Regenwald zerstört. Aber es gibt so vieles ...

4. Stichwort Natur
Den Lebensraum von Tieren zu schützen und Rückzugsgebiete zu schaffen stand für alle außer Frage. Auch lehnten alle TN Geoengineering ohne Kenntnis der langfristigen Folgen klar ab. Gegen die weitere Verbauung der Landschaft und Versiegelung der Böden sprachen sich 10 TN klar aus, für 2 TN war die derzeit wachsende Tiny-House-Bewegung ein Grund, sich für weitere Bauten auszusprechen.

Konkret dazu:
Giorgio: Die Verseuchung allgemeiner Flächen muss unter gravierende Strafen gestellt. So werden z.B. in Ramstein die Böden durch das Militär verseucht.

Jens: Lassen wir die Natur Natur sein. So wenig Eingriffe wie möglich in Naturparks. Man muss Bäume auch absterben lassen, auch wenn es weh tut. Sonst entsteht keine neue Natur – Natürliches statt Menschgemachtem wäre das Stichwort.

Melchior-Christoph: Mehr öffentlicher Nahverkehr, insbesondere Eisenbahn, weniger Autos und wenn, dann E-Autos wären Möglichkeiten, die Natur zu schonen.

Rainer: Baumschutzordnungen der Gemeinden dürfen ruhig umfangreicher ausfallen, generell darf die Natur als schützenswert dargestellt werden. Lieb wäre mir, wir würden Natur generell als Gemeinschaftseigentum einführen wie ehedem die Gemeindewiesen. Inzwischen sind sehr viele Flächen in Deutschland im Besitz von Großgrundbesitzern, die Fläche, die von Kleinbauern bewirtschaftet wird, sank von 124000 Hektar im Jahre 1991 auf 21000 Hektar im Jahre 2007 - ist also um 5/6 geschrumpft, um mal ein Beispiel zu nennen.

5. Stichwort Lebensmittelproduktion
Regionale Landwirtschaft und Bio-Anbau wurden von allen TN einhellig bevorzugt, während die Zerstörung afrikanischer Märkte durch EU-subventionierte Lebensmittel, die Massentierhaltung und die Industriefischerei kritisiert wurden. Die Einschränkung der Nutzung von Pestiziden und Herbiziden hielten 11 für richtig, nur 1 TN war sich nicht sicher. Auch sprachen sich 11 TN gegen den massiven Aufkauf von landwirtschaftlichen Nutzflächen durch Großkonzerne, speziell in Entwicklungsländern, aus — eine Forderung die nur ein TN ablehnte. Bei der Frage nach einer Reduktion der Gülleausbringung auf die Felder zeigte sich, dass auch durch die Reihenfolge der Fragen die Antworten beeinflusst wurden: Sobald die Massentierhaltung beendet sei, wäre hierfür keine Einschränkung mehr erforderlich — so 2 der 12 TN, während der Rest hier klar für eine Reduktion stimmte.

Konkret dazu:
Angela: Ich plädiere als Veganerin für den Verzicht auf tierische Erzeugnisse so weit wie möglich, insbesondere aus der Massentierhaltung. Diese zerstört so viele Flächen – Stichwort Herbizide, Gülle, Tierfutter – dass sie unsere Lebensgrundlage nachhaltig gefährdet. Durch unseren Konsum können wir ein Zeichen setzen. Regionaler Einkauf, wenn vorhanden in Hofläden, unterstützt die Bauern vor Ort. Man muss keinen Salat aus Spanien kaufen, der nur dank Ausbeutung der dortigen Migranten billig produziert werden kann. Man kann Salat sogar in der Natur finden. Wer das konsequent lebt, hat eine Vorbildfunktion für andere; das ist ansteckend, besonders wenn das Wissen, das man hat, auch an andere weitergeben wird. Darum mache ich regelmässig Kräuterwanderungen gegen Spende für Kriegsopfer.

Kerstin: Kein Import von Tierprodukten aus Ländern mit niedrigeren Tierschutz-Standards. So verhindert man, dass das Grauen aus der EU z.b. in die Ukraine verlagert wird und wir die Opfer der Massentierqual dann wieder billig beim Discounter kaufen.

Klaus: Als Anarchist bin ich gegen jede Einschränkung des Marktes, schränke mich persönlich ganz deutlich ein, indem ich selbst soweit wie möglich regional agiere und regionale Produkte konsumiere. Der Subventionsabbau trifft letztlich vermehrt die Konzerne, da diese ja am meisten davon profitieren, das fördert dann indirekt die regionalen Strukturen. Die Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln bringt wenig. Ich würde mir wünschen, dass der Lebensweg jedes Tieres, das als Fleisch verkauft wird, per Videodokumentation von der Geburt bis zum Tod per Link abrufbar wird. Private Haltung und Schlachtung von Tieren muss vollständig entkriminalisiert werden. Ich unterstütze echte Halal- Vorgehensweisen. Hier steht im Zentrum, dass Tiere eine Seele haben, und nicht so sehr die Tötungstechnik, wie es sowohl Sektenanhänger (Sunniten, Schiiten), vor allem aber auch Atheisten meinen.

Lukas; In meinen Augen kann Permakultur, eine alternative Anbaumethode, viele der Probleme lösen. Man muss aufhören, Böden auszulaugen, sondern sollte diese nachhaltig und ohne Monokulturen bewirtschaften. Allein das reduziert den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Kunstdünger bereits massiv.

6. Stichwort Krieg
Da das Militär der größte CO2-Produzent weltweit ist und durch Uranmunition, Militärflugzeuge und Panzer erhebliche Schäden an der Umwelt hinterlässt — und meine Filterblase einen nicht geringen Anteil an Aktiven aus der Friedensbewegung aufweist, die sich dessen bewusst sind –, war es für mich wenig überraschend, dass sich alle 12 TN klar gegen die Belastung der Natur durch Militär und Kriege aussprachen. Auch eine staatliche Förderung der Rüstungsindustrie wurde einhellig abgelehnt.

Konkret dazu:
Jörg: Deutschland raus aus der NATO! Es darf nur noch eine Verteidigungsarmee geben. Ein neutrales Land macht weniger militärische Aktivitäten erforderlich, und die überflüssigen Militärbasen auf deutschen Boden können renaturiert werden.

Kerstin: Es ist eine Änderung des Systems nötiger denn je. Kriege werden inzwischen weltweit geführt. Wenn man wieder die Frage „Cui bono -wem nützt es?“ stellt, ist Handeln gefragt , denn so geht es nicht mehr lange gut !

Melchior-Christoph: Das Hauptproblem sind die USA, deren Wirtschaft vom Öl abhängt. Nur der Petro-Dollar erlaubt es ihnen, fast beliebig Geld zu drucken. Wir müssen daher sehen, dass wir vom Öl wegkommen. Außerdem muss es ein Verbot von Rüstungsexporten in Spannungsgebiete geben, das auch eingehalten wird.

Tom: Krieg ist grundsätzlich umweltschädlich. Der größte CO2 Ausstoß erfolgt durch das US-Militär – Krieg ist ein Klimakiller! Darum muss man sich gegen Krieg engagieren.

7. Stichwort Energie
Mehrheitlich, mit jeweils 11-mal Ja, sprachen sich die Befragten für die Förderung alternativer Energien, eine dezentrale Energiegewinnung, den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und gegen Fracking sowie die steuerliche Bevorzugung von Flugzeugtreibstoffen aus. 10 TN sprachen sich ebenso klar gegen Atomkraftwerke aus, zwei waren sich unsicher. Ebenfalls votieren 10 TN für einen kostengünstigen öffentlichen Nahverkehr, wobei einige auch für eine kostenlose Variante plädierten. Der Beschränkung des Autoverkehrs in Innenstädten konnten immerhin noch 9 TN zustimmen, 2-mal gab es ein klares Nein. Für mich überraschend: 11-mal wurde die Forderung nach Tempo-Beschränkung auf Autobahnen befürwortet, der einzige Widerspruch kam von einer Frau mit einem langsamen Auto.

Konkret dazu:
Angela: Man sollte aufhören, die Menschen weiter in den Städten zu konzentrieren, und dafür energieautarke Gemeinden fördern. In Städten muss Car-Sharing ausgebaut werden. Darüberhinaus finde ich den Umgang mit Technologien wie Bitcoin -für die riesige Serverfarmen verwendet werden, die enorm viel Strom benötigen - für hinterfragenswert.

Klaus: Auch hier plädiere ich für den Abbau von Förderungen und die vollständige Einpreisung aller Folgekosten. Die Bevorzugung des Flugverkehrs durch Nicht-Besteuern des Kerosins ist KEINE indirekte Subvention. Wenn man Flugverkehr und KFZ-Verkehr steuerlich gleich behandeln will, dann soll man die KFZ-Steuern abschaffen.

Melchior-Christoph: Eine Möglichkeit wären Solarzellenfarmen, auch in Nordafrika - dort gibt es mehr als genug Sonne. Mit dem Strom ließe sich Wasserstoff gewinnen, dieser per Pipeline nach Europa transportieren und wieder in Strom umwandeln und die resultierende Wärme zur Fernheizung nutzen. Darüber hinaus muss man Energie sparen, das kann jeder. Der Güterverkehr gehört auf die Schiene und Autobahnen lassen sich mit Elektrogittern überspannen, so dass ein Fahren ohne Batterie möglich wird. Europa-weit muss das Energie-Tanknetz ausgebaut werden, damit auch längere Strecken problemlos mit E-Autos möglich werden.

Tom: Die hohe Besteuerung von Spritschleudern wie beispielsweise SUVs und gleichzeitig die steuerliche und preisliche Unterstützung beim Kauf von energiesparenden Autos sind ein Weg, der vorangetrieben werden sollte.

8. Stichwort Energieformen
Die Alternativenergien zu Atomenergie, Öl, Gas und Kohle erzielten unterschiedliche Werte. Spitzenreiter ist die Solarenergie (11 Ja-Stimmen), dann folgen Wasserkraft beziehungsweise Gezeitenkraftwerke (10 Ja), Hydrothermie und Wind (9 Ja), Biogas/Biothermie (8 Ja) und Holz (7 Ja). Biodiesel — also zum Beispiel Sprit aus Mais — wurde von 8 TN klar abgelehnt, 4 TN hatten keine Position dazu. Mehrfach wurde angemerkt, dass man naturbelastende Großanlagen vermeiden solle — zum Beispiel bei Wasser oder Wind oft ein Thema, das die Gemüter erhitzt. Für weitere Grundlagenforschung in heute eher noch als Außenseiter betrachtete Techniken wie Fusion, katalytische drucklose Verölung (KDV), Magnetmotoren oder andere sprachen sich wiederum 11 der Befragten positiv aus.

Konkret dazu:
Ilona: Ich bin ein Anhänger des weiteren Ausbaus von Balkon-PV-Anlagen, das ist eine ganz einfache Art, dezentral Strom zu produzieren. Die Menschen sollten über die individuellen Möglichkeiten besser informiert werden. Allerdings darf der Gewinn aus den Einspeisungen von Solarstrom nicht den Konzernen zugute kommen.

Jörg: Ich wünsche regionale Energieumwandlungen, von Punkt zu Punkt vernetzt , aber auch autark. Energieumwandlungen, die einer Kreislaufwirtschaft enstprechen, z.B. „katalytische drucklose Verölung“, „Benzin aus Sand“ und viele andere solcher Alternativen.

Rainer: Hier darf der Einsatz von Technik grundsätzlich gründlicher überdacht werden: AKW´s bauen, ohne zu wissen wohin mit dem strahlenden Müll, geht gar nicht. Ein ähnliches Problem haben wir aktuell mit Windkraftmüll und Solarschrott. Da kommen unausgereifte Konzepte flächendeckend zum Tragen und produzieren umweltschädlichen Sondermüll in Massen.

Zum Abschluss
Am Ende der Befragung waren 9 TN überzeugt, dass die Antworten der anderen Befragten mit anderen Grundpositionen zu CO2 nicht stark von den eigenen Antworten zu den notwendigen Maßnahmen abweichen würden. Nur 2 widersprachen diesem Gedanken und 1 TN hatte Zweifel. Wie man an der Auswertung sieht: Diese 9 TN hatten recht. Denn auch die abschließenden Antworten machen deutlich, dass schwer zu erkennen ist, wer nun wirklich zu welchem „Lager“ gehört:

Angela: Mir ist es ein Anliegen, dass wir uns auf das Gemeinsame konzentrieren. Wir sollten nicht über Klimawandel und CO2 reden, sondern über Umweltschutz. Schützen wir unsere Umwelt — dann tragen wir automatisch zur Klimaverbesserung bei, falls wir einen Einfluss haben.

Giorgio: Wichtig wäre mir, dass wir uns auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren, also Konzentration auf das, was uns verbindet, nicht auf das, was uns trennt. Wir haben doch sehr viele gemeinsame Ziele, auch wenn die Ursachenanalyse sich unterscheidet.

Ilona: Ich bin sehr froh über Fridays for Future, weil wir schon viel zu lange auf eine Studentenbewegung gewartet haben. Und ich sehe mit Schrecken, wie man auf die jungen Menschen losgeht. Diese müssen sich jetzt verteidigen, weil sie Sorgen haben. Es kommt nicht zu einem vernünftigen Dialog, das ist echt schlimm. Ich bin überzeugt: Für die jungen Menschen werden sich andere Themen auch noch auftun. Sie setzen sich ein für eine bessere Welt und sehen nach und nach, dass es eben mehr zu tun gibt als nur Klimaschutz. Da ich häufig mit den jungen Menschen rede, weiß ich, dass sie sich jetzt mit Dingen auseinandersetzen, die bereits über den Umweltschutz hinausgehen. Dazu gehören die Gerechtigkeitsfrage oder das Finanzsystem — darum darf die Bewegung nicht zerstört werden. Dafür setze ich mich ein.

Jens: Als ich in den 90er Jahren noch bei einem Wasserversorger tätig war, wurde uns von Klimaforschern prognostiziert, dass sich die Wasserkreisläufe verändern werden. Sie sagten voraus, dass es weniger Niederschläge, längere Dürrephasen und bei Niederschlägen dann aber sehr intensive und große Wassermengen geben würde. Das ist genau so eingetreten, was mich natürlich jetzt beeindruckt. Das zeigt, dass wir handeln müssen.

Jörg: Wir sollten uns wertschätzend wahrnehmen und schauen: Wo wollen wir gemeinsam hin auf dieser Erde — auch wenn wir unterschiedliche Ansichten haben. Ich schätze jeden, der auf die Straße geht und etwas tut, sich zeigt und einbringt. Jeder handelt ja aus der eigenen Erfahrungsperspektive — aber wichtig ist doch, man bringt sich ein und beginnt zu hinterfragen. Meine persönlichen Werte und Ziele, die ich vertrete beziehungsweise anstrebe, sind: radikal friedlich, mitmenschlich und allem Leben zugewandt für eine ausbeutungsfreiere Welt, belebt von sich selbst liebenden Menschen.

Kerstin: Wenn unzählige Staaten bei unzähligen Klimakonferenzen Verpflichtungen eingehen, sollten sich diese Staaten auch an die Verpflichtungen halten. Es gibt den Internationalen Gerichtshof für Kriegsverbrechen — so etwas ließe sich ja auch für Verbrechen an der Umwelt organisieren. Kern ist und bleibt aber die Systemfrage.

Klaus: Die Diskussion wird auf den unterschiedlichsten Ebenen geführt, manchmal wird einfach nur abstrus argumentiert. Viele wollen Lösungen durch den Staat, sind aber nicht bereit, selbst konkrete — einschränkende — Maßnahmen für ihr Leben zu ergreifen. Wenn von grünen Wählern zum Beispiel gesagt wird, dass Nichtflieger eher zum klimafeindlichen Lager gehören, weil sie nicht aus ihrem Dorf rauskommen und nicht offen für Veränderungen seien, zeigt das die ganze Absurdität der Diskussion: Wer etwas für die Umwelt tut, wird getadelt, wer viel fliegt, auch noch geadelt. Aber ich glaube, es gibt eine Brücke zwischen diesen Positionen: Die Brücke kann nur im gemeinsamen HANDELN liegen, nicht in der Abgabe von gesinnungsethischem Trallala („Gutmenschentum“). Eine gemeinsame Basis sehe ich mit denen, die das Leben bejahen (Nietzsche, Islam), während die Lebensverneiner („Es wäre besser, nicht geboren zu werden“) — das sind paulinische Christen, Postchristen, Schopenhauerianer — auf der anderen Seite des Krieges positioniert sind.

Lukas: Wir müssen aufhören, uns am Thema CO2 abzuarbeiten. Es gilt vielmehr, alle wichtigen Natur- und Umweltthemen in den Fokus zu nehmen. Man gewinnt nichts, wenn durch die CO2-Steuer die Preise steigen, die Produktion seitens der Industrie aber ungestört fortgeführt wird. Wir müssen das Augenmerk auf das gesamte Themenspektrum legen.

Melchior-Christoph: Durch Fukushima und Plastik sterben die Weltmeere, durch Öl und das Waldsterben verlieren wir die Lunge des Planeten. Der Kapitalismus ist im Endstadium; wenn wir überleben wollen, müssen wir das unter Kontrolle kriegen. Darum bin ich auch dafür, FfF zu fördern, die sind zwar noch in vielen Punkten offen und unklar, aber wir müssen bei Kernthemen, bei denen wir uns einig sind, gemeinsam auf die Straße. Friedens-, Sozial- und Umweltbewegung müssen gemeinsam gegen Neoliberalismus an einem Strang ziehen. Wichtig wäre mir noch zu erwähnen, dass der Golfstrom das Klima beeinflusst, das heißt wenn er nicht mehr am Regenwald, sondern an der jetzt entstehenden brasilianischen Wüste vorbeifließt, wird es in Europa und an den Polen wärmer — während es gleichzeitig wegen der abnehmenden Sonnenstrahlung tendenziell gerade kälter wird. Man darf das alles nicht isoliert betrachten. Außerdem werden die Winde — zum Beispiel der Jetstream, verändert, was zu chaotischem Wetter führt.

Rainer: Die Menschen, die vom menschengemachten Klimawandels durch CO2 überzeugt sind, sollten ihren Forderungen auch eigene Taten folgen lassen — speziell Regierung und Konzerne sollten mal ins Handeln kommen. Es wird überall vor dem Klimawandel gewarnt, es soll eine neue Steuer von den Bürgern erhoben werden, aber die politischen Entscheidungen der Regierungen deuten in keiner Weise darauf hin, dass sie es wirklich damit ernst meinen. Aber auch die normalen Menschen, die überzeugt von der CO2-These sind, sollten aufhören, mit dem Flugzeug rumzugondeln — das macht die Botschaft unglaubwürdig. Man darf aber nicht immer nur den Endverbraucher in die Verantwortung nehmen. Gäbe es keine Massenschlachthöfe, gäbe es kein Billigfleisch im Discounter. Würde Plastik nicht in Massen produziert, fiele eben weniger Müll an. Früher ging es ja auch mit Glas und Stoff beziehungsweise Papier.

Tom: Im Grunde genommen ist es völlig egal, welche Seite recht hat: Man muss einfach alles tun, um eine positive Entwicklung im Umweltschutz in die Wege zu leiten.

Uta: Es ist wichtig, dass wir erkennen, dass unbedingt eine Veränderung in unserem Verhalten stattfinden muss. Wir vergiften und zerstören uns und die Umwelt. Das muss aufhören. Der Chemieeinsatz muss reduziert werden, es gibt so gute Alternativen. Wir müssen uns und unsere Umwelt schützen. Sowohl der Einzelne, die Unternehmen als auch der Staat müssen handeln. Da sind alle gefordert.

Mein kurzes Resümee

Die Brücken sind eindeutig vorhanden. In den notwendigen Maßnahmen scheiden sich die Geister eben nicht entlang der „Lager“, sondern nur entlang ihrer sonstigen politischen Sichtweisen.

Ich glaube daher, dass kein noch so aufmerksamer Leser dieses Artikels anhand der obigen Zitate in der Lage sein wird herauszufinden, wer von meinen Gesprächspartnern Anhänger, Gegner beziehungsweise Zweifler der CO2-These ist. Mich würde es freuen, wenn es uns gelänge, das Lagerdenken und Beharren auf der Richtigkeit der eigenen Position soweit aufzugeben, dass wir uns gemeinsam für eine lebenswerte Umwelt auch in Zukunft einsetzen können.



 

Erschienen bei Rubikon

 

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